Herein, die Tür ist offen

Das Gürzenich-Orchester

Als die Stadt "das anerkannt tüchtige Kunstinstitut des Theater- und Gürzenich-Orchesters, welches durch langjährige, erfolgreiche Bestrebungen in seinen Leistungen sich eines hervorragenden Rufes in ganz Deutschland erfreut" (so hieß es im § 1 der "Bestimmungen für das städtische Orchester" 1888) mit der städtischen Bestandsgarantie versah, hatte das "hiesige Orchester" schon eine über 200 Jahre lange Entwicklung hinter sich.
Die ersten Anfänge sind in der bis ins 15. Jahrhundert zurückreichenden Domkapelle zu suchen, wo seit 1454 eine Kapelle ("Capella Mariana") bestand, eine Musikstiftung für eine täglich zu spielende Messe. Später fallen der Dommusik weitere Stiftungen zu, so 1684, denen es zu danken ist, dass die Domkapelle zu dem führenden Musikinstitut der Stadt wurde. Dom- und Ratskapelle (geleitet von einem gemeinsamen Dom- und Ratskapellmeister) bilden im gesamten 18. Jahrhundert eine sich gegenseitig unterstützende Orchestereinheit, in der die Kölner das musikalisches Wahrzeichen ihrer Stadt sahen.
Auch das Theater beginnt nun von dem Orchester Besitz zu ergreifen. Schon 1698 geben die Kölner Stadtmusikanten ihre "Musicalische opera", die nach 1700 unter dem Dom- und Ratskapellmeister Carl Rosier fortgeführt wurden. Hauptspiellokal war seit 1651 der Quattermarkt und schließlich 1783 das erste feste Schauspielhaus mit der Giebelinschrift "MUSIS GRATIISQUE DECENTIBUS" in der Schmier(Komödien)straße.
1743 tritt als dritte Musiksparte für das hiesige Orchester das "Abonnements-Konzert" hinzu, gegründet durch die "Musicalische Akademie" in der Schildergasse. In diesen regelmäßigen Konzerten im Academie-Saal in der Sternengasse, stellte am 26. Mai 1778 der "Churköllnische Hoftenorist Beethoven" sein "Söhngen von 6. Jahren" (tatsächlich war Ludwig schon 8) mit "verschiedenen Klavier-Concerten und Trios" den Kölnern vor.
Die instrumentale Dommusik endete 1863 (gerade in dem Jahr, als die Brandmauer, die bis dahin den Ostchor von der Baustelle trennte, niedergebracht wurde). Aus dem Dreispartenorchester blieb nur noch das Theater- und Gürzenich-Orchester übrig, wie wir es heute kennen.
Die französische Revolution beraubte 1803 das Orchester seiner sämtlichen Musikstiftungen. Seine Weiterexistenz verdankt es der beispiellosen Musikliebe der Kölner Bürgerschaft, besonders in der überragenden Persönlichkeit des Tribunalrichters Erich Verkenius. Ihr Werk, der "Verein der Dommusiken und Liebhaberkonzerte", dessen Aufgabe man erfüllt sah, als 1826 die Domkapelle unter Domkapellmeister Carl Leibl wieder zu einem auch vom preußischen Staat subventionierten, offiziellen kirchlichen Institut wurde. Der Liebhaber-Konzerte nahm sich nun die 1827 gegründete "Concert-Gesellschaft" an, deren Vorstände sich aus den Reihen der 1812 gegründeten "Musikalischen Gesellschaft" und des 1820 gegründeten "Singvereins" rekrutierten. Die Niederrheinischen Musikfeste, deren erstes 1821 im Gürzenich veranstaltet wurde, gehen ebenfalls auf das Erfolgskonto dieser Gesellschaften.
Die Konzerte, von Leibl und Domorganisten Franz Weber geleitet, wurden im Saal am Domhof, ab 1833 im Casino am Augustinerplatz, seit 1857 in dem zu einem repräsentativen Konzertsaal umgebauten Gürzenich gegeben. Dieser wunderschöne Saal genoss schon Berühmtheit, lange bevor das Concertgebou und der Wiener Musikvereinssaal entstanden. Die "Gürzenich-Konzerte" wurden nun zu einem wohlklingenden Begriff für die musikalische Welt und begründeten Kölns Ruf als einer Musikmetropole.
1840 wurde das Amt des "Städtischen Kapellmeisters" geschaffen, deren erster Würdenträger Conradin Kreutzer wurde. Ihm folgten Heinrich Dorn (der die Rheinische Musikschule gründete), Ferdinand Hiller (der das Konservatorium daraus entwickelte), Wüllner (der das Orchester städtisch machte), Steinbach, Abendroth, Papst, Wand, der designierte aber zu früh verstorbene Kertész, Ahronovich, Janowski, Conlon.
Die Gürzenich-Konzerte wurden vor allem durch eine großzügige Orchesterbesetzung und durch die Verpflichtung der damals größten Virtuosen und zeitgenössischen Komponisten berühmt. Den Gürzenich beehrten Mendelssohn, Spontini, Marschner, Berlioz, Bruch, Richard Wagner, Verdi, Gounod, Tschaikowsky, Strawinsky, Hindemith, um nur die größten zu nennen. Bruch, Brahms, Strauss, Mahler und Reger erlebten hier die Uraufführungen ihrer Werke, teilweise unter ihrer persönlicher Leitung. An Solisten und Dirigenten wurde alles von Rang und Namen aufgeboten: Paganini, Liszt, Mendelssohn, Clara Schumann, Joseph Joachim, Saint-Saens,
Sarasate, Casals, Horowitz, Heifetz und Nathan Milstein; die Dirigenten Mottl, Hans Richter, Fritz Busch, Nikisch, Klemperer, Pfitzner, Mengelberg, Knappertsbusch, Elmendorff, Böhm und nicht zuletzt Charles Münch, der im Gürzenich-Orchester einmal Konzertmeister war.
Bei all dem Glanz in den Gürzenich-Konzerten werden meist die Ruhmestaten des Orchesters in der Oper übersehen. Nennen wir nur die Uraufführungen von Lortzing, Kreutzer, Humperdinck, d'Albert, Mascagni, Korngold, Zemlinsky, Schreker, Bartók, Kodály, Wolf-Ferrari, Siegfried Wagner und die Dirigenten Otto Lohse, Klemperer, Szenkar, Wand, Kraus, Ackermann usw. Berühmtheit erlangten auch die Opernfestspiele zwischen 1905-1914 unter Strauss, Mottl, Nikisch, Schillings, Leo Blech u.a. In unserer Zeit glänzte das Orchester in den jährlichen Opern-Galakonzerte "Fest der schönen Stimmen".
Konzert- und Operngastspiele führten das Orchester zur Brüsseler Weltausstellung, nach Wien, ab 1945 nach Paris, Montreux, Skandinavien, Venedig, London, Rom, Budapest, Spanien, Italien, England, Hongkong, Japan und Frankreich.
Die Gürzenich-Konzerte wurden bis 1944 von der Concert-Gesellschaft veranstaltet. Nach 1945 übernahm sie die Stadt. Das Orchester konnte nun offiziell "Gürzenich-Orchester" als Ehrennamen annehmen und Günter Wand den Titel "Gürzenich-Kapellmeister". Dessen große Verdienste um das Orchester wurden durch seine Ernennung zum Ehrendirigenten des Gürzenich-Orchesters gewürdigt.
Mit dem Einzug in Kölns neuen Konzertsaal, der "Philharmonie", endete für das Orchester die "Gürzenich-Tradition", dem es sich aber weiterhin verpflichtet fühlt. So kann nur noch der Name "Gürzenich-Orchester" die Erinnerung an diesen einstmals so berühmten Konzertsaal lebendig erhalten und diese ruhmreiche Orchester-Ära hinüberretten in das 21. Jahrhundert.



Meine Artikel über das Gürzenichorchester

125 Jahre Kölner Gürzenich-Konzerte, in Das Orchester 12/1982

"Altvater Gürzenich, Ade", in Das Orchester 11/1987

Gürzenichorchester - 100 Jahre in städtischen Diensten, in Das Orchester 6/1988

Ehren-Gürzenichkapellmeister Günter Wand, in Das Orchester 1/1993

250 Jahre Gürzenichorchester, in Das Orchester 7-8/1993

Vom „Familienkonzert“ zur „Concertgesellschaft“ – Runde Geburtstage in Köln: Concertgesellschaft un Gürzenich-Chor (170), Gürzenichkonzerte (140) und Opernhaus am Offenbachplatz (40), in Das Orchester 6/1998, S. 23


Der Mutter Colonia höchste Zier. Der Kölner Dom und die Geschichte des Kölner Orchesterwesens, in Das Orchester 2/1999
Originalmanuskript: „750 Jahre Kölner Dom – Die alte Domkapelle.“

Non-Vibrato in der Alten Musik, in Das Orchester 11/2013, S. 82




WANDRING
Ehrenring für Günter Wand

LOGO2